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Zeitzeugengespräche der Klasse 10G1

Ein Zeitzeugengespräch mit einer Überlebenden der Schoah


von Frau Attali-Staaden

Stolpersteine_Familie_Steinberg_Yorckstrae_17

Im Rahmen des Deutschunterrichts, den ich mit meiner 10. Klasse in diesem Schuljahr mit der Lektüre von Max Frischs Drama „Andorra“ startete, ließ sich in Zusammenarbeit mit dem Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden und der Jüdischen Gemeinde ein Zeitzeugengespräch mit einer 75. Jahre alten Überlebenden der Shoah gestalten. Am 28. Oktober 2010 besuchte uns Frau Tova Gorfine, die in Begleitung ihrer Tochter Mirijam Yakoby aus Jerusalem gereist war, um der Verlegung von drei Stolpersteinen in der Yorkstraße für ihre ermordeten Eltern und Schwester beizuwohnen.


Entstanden ist das Zeitzeugengespräch auf Wunsch von Frau Gorfine selber. In Israel pflegt sie nämlich seit Jahren, am Holocaust-Gedenktag (Jom haScho'a – 27. Januar) in Schulen über ihre Geschichte zu sprechen. Nun wollte sie dies zum ersten Mal vor deutschen Schülern tun. Aus emotionalen Gründen sprach sie Englisch.

Den Schülern, Frau Petersen, Schulleiterin, Herrn Schneider, Leiter des Aktiven Museums Spielgelgasse (AMS), Herrn Glimmann, Mitarbeiter des Magistrats, Herrn Landau, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden und mir erzählte Frau Gorfine, wie sie 1935 als Gitta Steinberg, Tochter einer alteingesessenen jüdischen Familie, in Wiesbaden zur Welt kam, wie sie als Dreijährige von ihren Eltern Verwandten mitgegeben wurde, als diese im Sommer 1938 in die Niederlande flüchteten, wie sie, während ihre Eltern und ihre Schwester in den Todeskammern ermordet wurden, nacheinander von acht Familien – zuletzt von einer Pastorenfamilie - versteckt wurden und wie sie dann 1947 von einer Tante nach Jerusalem geholt wurde, wo sie heiratete, fünf Kindern das Leben schenkte und Lehrerin wurde.


Gesprch_mit_Oberbrgermeister_Dr._Mller

In der Rede, die Herr Wolfgang Nickel, Stadtsverordenetenvorsteher, am 9. November 2010 anlässlich der Wiederkehr der Reichspogromnacht am Michelsberg hielt, wo ein Mahnmal errichtet wird, betonte er, wie wichtig für die Zukunft das Erinnern an das Geschehene sei. Ohne Erinnerung gebe es keine Zukunft. Weil die Menschen jedoch, die die Gräuel von damals selbst erlebt haben, immer weniger werden, seien die Deutschen dazu aufgerufen, das eigene Erleben der Zeitzeugen immer mehr durch aussagekräftige Rituale, Zeichen und Symbole des Mahnens zu ersetzen. Die Schüler der 10G1 konnten deshalb eine einmalige, unvergessliche Erfahrung machen, die sich durch nichts ersetzen lässt.

Verlegung_der_Stolpersteine_Yorckstrae_17 Yorckstrae Yorckstrae_17

Bevor sie Wiesbaden verließ, erhielt Frau Gorfine den Brief, den die Klasse 10G1 für sie verfasste:

Liebe Frau Gorfine,

wie bedanken uns bei Ihnen für ihren Besuch, der uns einen Eindruck in Ihr Leben geboten hat. Ihre Lebensgeschichte hat uns emotional sehr berührt, denn vieles davon haben wir bis dahin nicht gewusst. Wir empfinden Ihnen gegenüber Mitgefühl, und Ihre Geschichte hat uns die Augen aufgemacht, dass wir die Verantwortung dafür tragen, dass solch ein Leid niemandem mehr auf dieser Welt widerfahren muss. Es war sehr interessant für uns, von Ihnen aus dieser Zeit erfahren zu können und aus einer Sicht, die uns bis dahin noch nicht bekannt war, einiges zu lernen. Sehr beeindruckend war für uns, dass Sie in ihrem Leben so vielen guten Menschen begegnet sind und trotz Ihres Leides, das Ihnen geschehen ist, Ihrem Wunsch, Lehrerin zu werden, erfüllt haben.

Wie bedanken uns von ganzem Herzen bei Ihnen für Ihre hoffnungsvolle Botschaft.

Bleiben Sie gesund und bewahren Sie Ihr Strahlen!

Shalom we toda raba

Klasse 10G1